Morde haben auch ihr Gutes

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Anders Ronnow Klarlund (l.) und Jacob Weinreich alias A.J. Kazinski haben einen packenden Krimi geschrieben (Bild: Ostergaard)

Anders Ronnow Klarlund (l.) und Jacob Weinreich alias A.J. Kazinski haben einen packenden Krimi geschrieben (Bild: Ostergaard)

Das Böse ist ja das Gute daran. Aber auf Dauer würden Thriller, Krimis & Co. vielleicht doch zu kalkulierbar, ginge es immer nur um Mord und Totschlag, um Schlächter und Schurken und darum, ihnen das Handwerk zu legen. Insofern ist die Idee, mal das Gute ins Zentrum des Geschehens zu stellen, ein kluger Schachzug. Dessen Urheber ist ein gewisser A. J. Kazinski, ein griesgrämiger, in New York lebender Jude – den es gar nicht gibt: Hinter dem Pseudonym steht das Autorenduo Anders Rønnow Klarlund und Jacob Weinreich. Mit „Die Auserwählten“ haben die Dänen eines der spektakulärsten Bücher des Genres seit Langem geschrieben. Und sie schmücken damit das Hamburger Krimifestival: Am 3. November lesen die Autoren auf Kampnagel aus dem rund 600 Seiten starken Thriller.

Aber bei aller Güte: Ohne den Tod geht es auch hier nicht. Aus allen Teilen der Welt werden ungewöhnliche Leichenfunde gemeldet, 34 bislang, und alle Fälle scheinen auf mysteriöse Weise miteinander verknüpft. Den Rücken jedes Opfers entstellt ein merkwürdiges, an eine frische Tätowierung erinnerndes Mal, zwischen den Todesfällen liegen exakt sieben Tage – und allen Opfer ist gemein, dass sie der Menschheit besonders gute Dienste erwiesen haben.

Kurz vor dem dort einberufenen Weltklimagipfel führt eine Spur nach Kopenhagen. Routine- und sicherheitshalber soll Kripomann Niels Bentzon ihr nachgehen und die einschlägig bekannten Guten in der Gegend – wohlmeinende, politisch, sozial oder wissenschaftlich engagierte Menschen – zu erhöhter Wachsamkeit bewegen und warnen. Aber wovor eigentlich? Als Mord ist schließlich noch keiner der 34 Fälle vorzeitigen Ablebens identifiziert …

Auf seiner Tour lernt Bentzon auch die geniale Physikerin Hannah Lund kennen, die der Fall immer stärker fasziniert. Schicht um Schicht legt das Duo den Kern des Mysteriums frei, bis sich die beiden weit jenseits jeglicher Vorstellungskraft bewegen und irgendwann realisieren, dass es jetzt auch um ihr Leben geht.

Klarlund und Weinreich spinnen ihren Plot rund um den jüdischen Mythos der 36 Gerechten. Danach leben auf der Erde stets genau drei Dutzend Menschen, um deren Güte willen Gott die Welt trotz ihrer Sündhaftigkeit nicht untergehen lässt. Stirbt einer der anonymen Gerechten, wird sofort ein weiterer geboren. Als Regisseur beziehungsweise Drehbuchautor wissen die Dänen, wie man eine Geschichte lebendig und raumgreifend erzählt. In den „Auserwählten“ setzen sie ihre Fähigkeit in höchster Perfektion um. Angereichert mit stets seriösen Exkursen in die Naturwissenschaften und das Feld der Nahtoderlebnisse, spinnt das Duo das Netz der Spannung immer enger; in diesen Maschen verfängt sich der Leser unrettbar.

Neben dem Inhalt – das Buch kommt weitgehend ohne Action und blutige Brutalität aus – hat die Sprache (Übersetzung: Günther Frauenlob) daran einen guten Anteil: Klar, schlank, unaufgeregt und immer fesselnd formulieren die Dänen, immer im Dienst des Plots, der in ein buchstäblich unfassbar gutes Finale mündet.

Und Anfang November ist das Duo Teil der „Dämonischen Doppel aus Dänemark“: Neben A. J. Kazinski lesen die gemeinsam schreibenden Geschwister Lotte und Søren Hammer aus ihrem Krimi „Schweinehunde“. Zivilisation vs. Selbstjustiz ist das Oberthema zu ihrem Fall, der sich – ebenfalls im Großraum Kopenhagen – um fünf verstümmelte Männerleichen an der Decke einer Turnhalle entwickelt. Die deutschen Texte liest der „Auserwählten“-Hörbuchsprecher David Nathan. Moderieren wird den Festivalabend Günther Frauenlob.

Jörg Malke

Dämonische Doppel aus Dänemark Do 3.11., 19.00, Kampnagel k1 (Bus 172, 173), Jarrestraße 20, Karten zu 12,- in den Abendblatt-Ticketshops, unter der Abendblatt-Ticket-Hotline T. 30 30 98 98, in den Heymann-Buchhandlungen, unter T. 48 09 30; Weitere Infos im Internet

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