Die Wissenschaft einmal zum Brüllen komisch

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Jurymitglieder im ausverkauften Kampnagel-Saal mit Bewertungskarten (Foto: P. Piel)

Jurymitglieder im ausverkauften Kampnagel-Saal mit Bewertungskarten (Foto: P. Piel)

Wenn man einen Elementarteilchen-Beschleuniger erklärt bekommen soll, die „Geschichte der Katarer in Italien im Spiegel der Inquisition“ als Vortragsankündigung liest, etwas über „unvollständige Proteinentfaltung“ hören wird – dann mag man an stille Hörsäle denken, an näselnde Professoren und flackernde Diagramme auf der Leinwand. Nicht an lauten Applaus, Pfiffe, Gelächter, begeistertes rhythmisches Fußgestampfe und ein unterhaltsames Moderatorenduo.

Doch das alles gab es jetzt am Wochenende auf Kampnagel, bei der 2. deutschen Meisterschaft im Science-Slam – einem Vortrags-Wettstreit junger Forscher, die sich im Stil der bereits bekannteren Poetry-Slams dem Votum eines Publikum stellen und dabei Unterhaltung bieten, die irgendwo zwischen „Sendung mit der Maus“ für Erwachsene und Hirschhausen-Comedy angesiedelt ist.

Gewinner Boris Lemmer etwa, ein Physiker aus Göttingen, startet zunächst mit einem Witz: „Was sind überhaupt Teilchenbeschleuniger?“, will er wissen. Richtig, zwei Physiker, die sich mit Rosinengebäck bewerfen. Dann macht der junge Mann in Karohemd und schwarzem T-Shirt Tempo, erklärt gestenreich und mit Comic-Bildern und Filzpuppen die ganze Sache mit den Elementarteilchen. „Im Grunde“, sagt er, „machen Physiker nix anderes als Kinder mit Überraschungseiern. Sie machen die Hülle kaputt, um zu sehen was drinsteckt.“

Und es steckt viel drin. Auch in dem, was er sagt. Manchem in dem schon Tage zuvor ausverkauften Saal mit den 500 Plätzen dürfte erst jetzt einiges deutlich werden, was in der Schule auf der Strecke blieb. Zum Beispiel, als der Hamburger Science-Slammer Timo Sieber die Angelegenheit mit den Proteinen erklärt, und auch, warum gerade ungeordnete Strukturen dabei für den Zusammenhalt des großen Ganzen wichtiger sind als geordnete.

Hört man gern, denkt an den eigenen Schreibtisch und weiß sich im Einklang mit der Naturwissenschaft. Auch Sieber bekommt von den zufällig ausgewählten Jurymitgliedern im Publikum per Zählkarten viele Punkte – und wird Zweiter. Wieder gibt es großen Applaus. Die Vorträge müssen zwar nicht unbedingt komisch sein, sagt Alex Dreppec. Aber es helfe eben doch oft, meint der 43 Jahre alte Verständlichkeitsforscher aus Darmstadt, der als Erfinder des Science-Slams gilt. Dreppec ist übrigens auch Poetry-Slammer. Also ein Vertreter jener Vortragsform, die laut Wikipedia 1986 erstmals in Chicago auf die Bühne gebracht wurde. Mit selbst verfassten Texten treten dabei Literaten vor ihre Zuhörer, die die Qualität des Vorgetragenen bewerten. Inzwischen gibt es in Deutschland regelmäßig mehr als 130 solcher Wettbewerbe.


Boris Lemmer erklärt, wie Physiker bei der Auswahl ihrer Versuchsreihen vorgehen: "Wie männliche Studenten bei der Partnerwahl in der Mensa"

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2006 veranstaltete Dreppec dann in Darmstadt den ersten deutschen Science-Slam. Junge Forscher raus aus ihrem Elfenbeinturm zu holen, mit Popkultur-Elementen einem Laienpublikum von ihren Projekten zu berichten – das sei das Ziel. Der Erfolg habe ihn überrascht, sagt Dreppec. Aber es gebe da wohl eine Sehnsucht vieler Leute nach einer Verbindung von Wissenschaft und Unterhaltung, „bei der man etwas mitnehmen kann“.

Offenbar: Inzwischen gibt es nämlich in vielen Uni-Städten des Landes Science-Slams, in Hamburg jetzt sogar die zweite deutsche Meisterschaft und erstmals ein Treffen der sogenannten Slam-Master, um einheitliche Regeln zu diskutieren. Die sind bisher noch recht einfach: Zehn Minuten Zeit hat jeder Slammer – dann ertönt ein Gong, und anschließend bewertet eine Jurygruppe aus dem Publikum den Vortrag mit Punkten von eins bis zehn. Auffällig dabei ist jedoch, dass es bei den Forscher-Slammern einen eindeutigen Männerüberschuss gibt. Unter den neun Finalisten in Hamburg ist beispielsweise keine einzige Frau. Woran das liegt? Die Teilnehmer zucken bei dieser Frage mit den Schultern.

Immerhin aber ist die Veranstalterin des Hamburger Slams weiblich: Julia Offe ist promovierte Biologin. „Unterhaltung mit Aha-Erlebnissen“, das sei der Science-Slam. Etwas, das durchaus sehr viel Mühe machen könne, sei es, komplizierte Dinge einfach und schnell zu erklären.

Und nicht immer fällt das Lachen gleich leicht: etwa als Christian Stern vom Braunschweiger Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung über Tumorbekämpfung berichtet. Er erklärt es am Beispiel von Chuck Norris. Wie der Karate kämpfende Fernsehheld seien auch die Salmonellen-Erreger „stark und gefährlich“, sagt er und erklärt dann mit Comicfiguren, wie solche Erreger gentechnisch verändert werden können, um Tumore gezielt zu bekämpfen. Ein Vortrag mit Witz bei einem ernsten Thema, anschaulich und überraschend. Nach zehn Minuten bekommt auch Stern viele Punkte und wird Dritter.

Nicht immer aber sind es naturwissenschaftliche Themen, die Erstaunen und Vergnügen auslösen. Der bärtige Historiker Sebastian Huncke aus Münster etwa klettert aufs Podium, um über „das kokovorische Weltreich des August Engelhardt“ zu berichten. Das kokovorische was? Diese Frage sieht man den Zuschauern förmlich an, als Huncke beginnt. Doch dann erzählt er von der Lebensreformbewegung um 1900 und einem ganz besonderen Vertreter, jenem August Engelhardt eben. Der wollte die Menschheit mit reiner Kokosnuss-Kost und viel Sonnenschein beglücken, scharte in den Tropen Anhänger um sich und verstarb doch recht früh – trotz aller Kokosnüsse. Eine faszinierende Geschichte mit Hintersinn. „Denn schaut immer hinter die Kokosnuss“, fordert Huncke seine Zuhörer auf. Und selbst Ingenieure können bei diesem Slam geradezu philosophische Gedankensprünge auslösen – auch wenn die Regelungstechnik von Gernot Herbst von der Fakultät für Elektrotechnik und Informationstechnik in Chemnitz das nicht gleich erkennen lässt. Dann untermauert er die Regelungstechnik mit Bibelzitaten („Es werde Licht, und es ward Licht“) und erhellt sein Thema so.

Es ist bei diesem Wettbewerb eben alles andere als heiße Luft, die verbreitet wird – auch wenn Oliver Adria ganz am Schluss über Druckluftspeicher für Windkraftwerke berichtet. Eine Lösung für das Problem, da erneuerbare Energie sich bisher nicht so einfach speichern lässt. Ach ja, Energie? Was sagt der Physiker, wenn er eine Flasche Bier geleert hat? „Die Energie aus der Flasche ist nicht verbraucht, sondern jetzt in seinem Magen“, wie Titelverteidiger Martin Buchholz von der TU Braunschweig sagt. Könne man daher Energie überhaupt verschwenden? Er bringt ein anschauliches Beispiel. Warum nicht gleich so?, möchte man da seine Lehrer von damals fragen.


Axel Tiedemann

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